- 19. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
„Eine Hundetrainerin muss ihre eigenen Hunde im Griff haben.“
Dieser Satz fällt schnell und er trägt eine klare Erwartung in sich:
Ein Profi muss beweisen, dass bei ihm alles funktioniert.
Aber was genau soll das heißen?
Das mein Hund niemals reagiert? Das er nie überfordert ist? Das er genetische Anlagen einfach ablegt, weil ich Trainerin bin?
Meine Hunde sind keine Beweisstücke. Es sind Lebewesen mit Genetik, Erfahrungen, Schmerzgeschichte und einem eigenen Nervensystem.

Arbeitsmodus ist nicht Alltag
Viele bewundern Hunde, die wie Polizeihunde neben ihrem Menschen „tanzen“. Hochkonzentriert. Permanent fokussiert. Beeindruckend.
Das ist Arbeitsmodus - Alltag sieht anders aus.
Alltag bedeutet Reize, unvorhersehbare Situationen, Besucher, Stimmungen, eigene Müdigkeit, kein permanentes Mikromanagement.
Ein alltagstauglicher Hund zeigt sich nicht im perfekten Fußlaufen. Er zeigt sich darin, dass er gelernt hat, sich angemessen zu verhalten, auch wenn ich ihn nicht dauerhaft steuere.
Urmel
Urmel kam nicht nur mit schweren Traumata zu mir, sondern auch mit massiven körperlichen Baustellen.
Eine kaputte Hüfte, Probleme mit der Wirbelsäule, beide Ellenbogen mussten später operiert werden.
Schmerz verändert Verhalten. Ein belastetes Nervensystem verändert Reizverarbeitung. Reizregulation ist unter solchen Voraussetzungen keine Selbstverständlichkeit.
Hundebegegnungen kann er bis heute nur schwer aushalten. Wenn Frust entsteht, fängt er an zu „jebbeln“. Nicht aus Boshaftigkeit, sondern weil er gerne hinmöchte und sein System schneller überläuft.
Das ist kein „nicht im Griff haben“. Das ist ein Hund mit Geschichte, Schmerz und Emotion.
Heute liegt er, wenn ich Dienst habe, ruhig auf seiner Decke in der Werkstatt – auch wenn Besucher hereinkommen. Er kennt den Rahmen. Er kann sich aufgrund von klarer Struktur regulieren und er bleibt ansprechbar.
Nicht perfekt. Aber geführt, verstanden und gehalten. Er ist im Rahmen seiner Möglichkeiten stabil.
Es ist jedoch meine Aufgabe ihm Orientierung zu geben. Wenn es zu viel wird, ist es doof. Nicht nur für ihn, sondern auch für mich. Doch manchmal kommt einfach das Leben dazwischen.
Wer nur Verhalten bewertet und nicht den Hund dahinter sieht, urteilt oberflächlich. Das ist einfach!
Flora
Flora war schwer depriviert. Überfordert. Angstgetrieben.
Und ja – aus ihrer Angst heraus war sie zeitweise eine Gefahr für ihre Umwelt. Auch für Menschen.
Heute kann sie sich in unserer Welt orientieren. Und sie hat gelernt, bei Bedarf bei mir nach Hilfe zu fragen, die sie dann verlässlich bekommt.
Nicht, weil ihre Geschichte verschwunden ist. Sondern weil Führung, Struktur und Sicherheit ihr Orientierung geben.
Im Rahmen dessen, was sie mitbringt. Heute begleitet sie mich nicht selten mit in Einzeltrainings, wird für Streicheleinheiten zuweilen sogar aufdringlich und zeigt Junghunden auch ihre Grenzen. Sie ist nicht geheilt, denn das vermag kein Training, aber sie kann ein fast geführtes Hundeleben erleben.
Übrigens gibt es keine „Kampfhunde“
Es gibt genetische Anlagen. Es gibt Temperament. Es gibt Traumata. Es gibt Schmerzen. Es gibt Lernerfahrungen.
Ein sogenannter Listenhund ist nicht per se gefährlicher als ein Schäferhund, ein Collie oder ein Retriever.
Verhalten entsteht aus einem Zusammenspiel vieler Faktoren. Genetik ist ein Teil davon – aber niemals die ganze Geschichte.
Wer glaubt, ein Trainer müsse all das „wegmachen“, verkennt, wie Verhalten wirklich entsteht. Er hat nicht verstanden , dass auch Hunde Individuen mit eigener Geschichte sind.
Die Rolle des Menschen
Bei all dem, was ein Hund mitbringt –Genetik, Erfahrungen, Schmerzen, Traumata –bleibt ein entscheidender Faktor:
Wir selbst!
Hunde reagieren nicht nur auf unsere Kommandos. Sie reagieren auf unsere Spannung, unsere Unsicherheit, unsere Erwartungshaltung.
Ein fester Griff an der Leine.
Ein inneres „Hoffentlich passiert jetzt nichts“.
Eine unklare Entscheidung.
Und der Hund spürt es.
Es geht nicht um Schuld. Sondern um das Erkennen von Verantwortung.
Selbstreflexion bedeutet:
das eigene Timing zu überprüfen
die eigene Emotion zu regulieren
Erwartungen realistisch zu halten
Verantwortung nicht an den Hund auszulagern
Führung beginnt nicht an der Leine. Sie beginnt in der inneren Haltung.
Wer seinem Hund Orientierung geben will, muss bereit sein, sich selbst zu hinterfragen. Führung nach außen setzt Klarheit im Inneren voraus.
Woran ich Professionalität erkenne
Nicht an Perfektion.
Sondern daran,
wie Verantwortung übernommen wird
wie klar und souverän geführt wird
wie ehrlich eingeschätzt wird, was möglich ist
wie mit Grenzen umgegangen wird
und ob jemand akzeptieren kann, was bleibt



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